Am kommenden Samstag wird das große Wiener Derby zum 300. Mal angepfiffen. Nach dem Old Firm, dem Glasgower Derby zwischen Celtic und den Rangers, und dem Derby zwischen Galatasaray und Fenerbahce in Istanbul ist es damit das am dritt-öftesten ausgetragene Städtederby Europas.
Viel ist derzeit über das legendäre Duell zu hören und zu lesen. Und doch schafft es niemand, die eigentliche Bedeutung, den Geist, der über diesem Spiel schwebt, in Worten auszudrücken. Jeder hat seinen ganz eigenen Derby-Augenblick. Erlebnisse und Erinnerungen, die niemals in vergessen werden. Ob man es will oder nicht: Die Rivalität zu Rapid ist wesentlicher Teil der Identität als Austrianer. Oft ist derzeit vom ursprünglichen Klassenunterschied zu hören. Bürgerlicher Verein gegen Arbeiterverein. Dieser Zugang ist längst Geschichte. Geblieben ist die Phrase „Kampfkraft gegen Technik“. „Die Rapidler sind gelaufen. Die Austrianer haben gespielt“ wusste schon mein Großvater aus seiner Jugend zu erzählen.
Emotionen

Wenn das Wiener Derby auch erst nach 1945 ernsthafte Bedeutung für die Meisterschaft erhielt, gingen die Wogen auch davor schon oft hoch. Als Matthias Sindelar im Derby vom 6.9.1931 nach einem Foul von Rapid Verteidiger Johann Luef beim Stand von 3:2 für Rapid zur Rede gestellt wird, kommt dem „Papierenen“ die Hand aus: Der Rapid Verteidiger geht zu Boden. Sindelar erhält zum ersten (und letzten!) Mal in seiner Karriere die rote Karte und muss das Spielfeld verlassen. Noch oft sollten sich derartige Szenen wiederholen. Das Wiener Derby weiß zu bewegen – Fans wie Spieler.
Spielabbrüche
Nach dem Platzsturm in Hütteldorf im Mai 2011 kam es zum bislang letzten Spielabbruch eines Wiener Derbys. Viel wurde damals diskutiert, aber kaum erwähnt, dass es in der Geschichte des Derbys schon zu allerhand Abbrüchen kam. Ein paar Beispiele:
- 4.Juni 1923: Aufeinandertreffen zwischen Rapid und der Amateure auf der Hohen Warte in Döbling. Hitzige Stimmung schon vor dem Spiel. Die Violetten gehen mit 2:0 in Führung. Als der Rapidler Wessely die rote Karte sieht, treten die Grün-Weißen einfach ab. (*) Das Spiel wird abgebrochen. Am nächsten Tag spottet das Wiener „Sport-Tagblatt“: „Rapid war bisher eine Mannschaft, der der „Segen von oben“ im reisten Ausmaße zufloß; man nahmdie Gaben aus dem Füllhorn Fortunas so entgegen, als ob es sich um einen pflichtgemäßen Tribut gehandelt hätte. Nun sind einmal die Liebesgaben aus dem Reiche der Ueberirdischen ausgebelieben und sofort setzt Rebellion ein.“
- 6. Mai 1934, auf der Pfarrwiese (**) in Hütteldorf gehen wieder einmal die Emotionen hoch: „Knapp vorher hatte der Schiedsrichter einen Elfmeterstoß gegen Austria diktiert, wobei man aber den Eindruck hatte, daß kein wirklicher Regelverstoß vorgefallen war. Binder war im Strafraum gestürzt, aber von der Tribüne aus war zumindest nicht festzustellen, daß eine Regelwidrigkeit begangen worden wäre. Der Elfer wurde zwar abgewehrt, aber die Spieler befanden sich in großer Erregung und es gab ein paar Derbheiten. […] Ein Teil der hinter dem Tor befindlichen Zuschauer drängte ins Spielfeld, es setzte eine etwas länger andauernde Debatte mit den Austria-Spielern und dem ebenfalls ins Feld gelaufenen Manager Lang und plötzlich pfiff Schiedsrichter Losenitzky ab.“ Das Spiel wurde schließlich strafverifiziert und mit 3:0 für Rapid gewertet.
- 29. September 1973: Auf Grund eines Fluchtlichtschadens wird das Derby verspätet angepfiffen. Als Morales den Rapid-Tormann Antrich foult, kommt es zu einem ersten Platzsturm. Das Spiel geht aber weiter. Als Helmut Weigl in der 80. Minute zum Ausgleich für die Austria trifft wird das Spielfeld nochmals gestürmt. Die Mannschaften flüchten in die Kabine. Schließlich wird das Spiel abgepfiffen.
Interessanterweise wurde das Spiel nicht strafverifiziert, sondern wiederholt. Die Neuastragung konnte die Austria vor nur 6.000 Zuschauern in der Südstadt mit 3:1 für sich entscheiden.
Vereinswechsel und Vereinsfusion
Lange Zeit galt ein Vereinswechsel zwischen den beiden großen Wiener Fußballvereinen als Tabu. Ein Wechsel Prohaskas zu Rapid oder Krankls zur Austria wäre für die Spieler wie für die Vereine unmöglich gewesen. Heute stehen die Dinge längst anders. Mit Roman Kienast wird am Samstag erneut ein Spieler, der das Derby schon als Rapidler erlebte, im violetten Dress auflaufen.
Heute undenkbar sind Überlegungen, die beiden Vereine zu fusionieren, wie sie von verschiedenen Träumern angestellt wurden. Im Jahr 1993 schlug der damalige Chef der Bank Austria (damals Rapid-Sponsor) vor, die beiden Wiener Großvereine zu fusionieren, quasi abzuschaffen und einen Großverein daraus zu machen. Rapid Austria oder so ähnlich hätte das dann geheißen. Dass der Mann völlig realitätsfern war und von Fußballfantum keine Ahnung hatte, muss an dieser Stelle eigentlich gar nicht mehr erwähnt werden.
Skurril wirkt heute auch der Bericht eines Freundschaftsspiels 26. Mai 1926, als Austria und Rapid gemeinsam ihre besten Spieler gegen Arsenal London auflaufen ließen. Ausgetragen wurde das Duell im Austria-Stadion in Ober St. Veit. Die kombinierte Mannschaft „Rapid-Amateure“ (Zitat „Arbeiter-Zeitung“) konnte mit 1:0 gewinnen, das Tor erzielte der Austrianer Gustav „Guggi“ Wieser. Wieser hatte seine Karriere bei Rapid gestartet, wo er 7 Jahre spielte. Später wechselte er zu den Amateuren, wo er ebenfalls sehr erfolgreich war. Wieser ist damit ein frühes Bespiel für einen Spieler, der für beide Teams gespielt hat.
Die meisten Derbys für die Austria, nämlich 51, absolvierte übrigens Erich Obermayer. Andi Ogris erzielte gegen Rapid die meisten Tore (15).
Das ewige Duell
Austria und Rapid sind die letzten verbliebenen Wiener Vereine in der Bundesliga. Längst vorbei sind die Zeiten, als auch die Duelle mit dem Sportclub und der Vienna brisant waren, noch länger Geschichte sind die Duelle mit WAF, einem zweiten Konkurrenten aus Hütteldorf. Geblieben ist das Aufeinandertreffen von Austria und Rapid. Und es wird auch in Zukunft nichts von seinem Charakter verlieren. Klar bleibt: Die Nummer 1 in Wien sind wir!.
Buchtipp: “Alles Derby! 100 Jahre Rapid gegen Austria”
(*) Der Kurier hat am 14. Februar von einem Platzsturm bei diesem Spiel 1923 geschrieben. Dafür finden sich keinerlei Belege.
(**) Auch hier verbreitet der Kurier falsche Informationen und meint, das Spiel hätte im Praterstadion stattgefunden.
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